Nicolas Champagner Retreat
Hallo liebe Gemeinschaft an Genießern! Ich habe wieder eine Geschichte zum Schmunzeln für Euch parat, vielleicht hat der ein oder andere schon ähnliche Erfahrung gemacht. Es würde mich wirklich brennend interessieren, ob es nur mir so geht! Die Geschichte passt auch zu den kommenden (hoffentlich für Euch freien) Ostertagen:
Da wünsche ich mir für Euch, dass Ihr nicht das erlebt, was mir gerade passiert ist – hier könnt Ihr die Geschichte in unserem Blog lesen. Sondern dass Ihr richtig schöne Tage verbringt, und dass Ihr sie genauso verbringt, wie Ihr es möchtet und das macht was Euch gut tut.
Es ist schon einige Jahre her, dass ich das letzte Mal eine kleine Auszeit alleine genommen habe. Als ich neulich ein passendes Datum im Kalender gefunden und einen interessant klingenden Kurs gefunden habe, griff ich beherzt zu: 4 Tage in einem kleinen Seminarhaus, 1.5h entfernt von München, in abgeschiedener Natur. Der Kursinhalt: Meditation und dazu Coaching Einheiten mit der Methodik Inter Family Systems (IFS) um über dies und das nachzudenken. Die Beschreibung klang unverdächtig, wie ein Coaching-Seminar mit Meditation zum Entschleunigen kreisender Gedanken und um mehr innere Klarheit zu gewinnen. Ich hatte mich extrem auf diese Zeit gefreut und extra fast eine ganze Nacht hindurchgearbeitet, um dringende Dinge abzuschließen: Der Kopf sollte auch wirklich frei sein.
Etwas irritierend fand ich das vierseitige PDF, das eine Woche vorab geschickt wurde: zwei Seiten zur „Vorbereitung“ und zwei Seiten mit Regeln, was im Seminarhaus zu tun und zu unterlassen sei. Ich überflog es kurz und wischte den Gedanken weg, dass das schon ganz schön viele Regeln dafür sind, dass wir vier Tage herumsitzen, essen und schlafen.
Dort angekommen war ich verzaubert von dem Ort: keinerlei Straßenlärm, wo man hinblickte nur Hügel und Wälder, dazu vier Katzen und einen Hund. Ein Traum. Ich konnte Gott sei Dank noch ein Einzelzimmer ergattern, so würde auch niemand mitbekommen, dass ich klammheimlich mein Handy dabei hatte und sogar ab und zu draufkucken würde. Das Zimmer konnte man nicht abschließen, so hatte ich ein klein wenig Sorgen, ob die Seminarhauspolizei während einer Seminareinheit heimlich mein Zimmer durchsuchen und mich vor allen Anwesenden öffentlich zur Ordnung rufen könnte. Außerdem hatte ich heimlich ein kleines Bier (0,375) dabei, das ich außen auf dem Fensterbrett versteckte (nur für den Fall). Champagner hätte ich lieber mit den Anwesenden getrunken, aber irgendetwas in mir sagte, das würde nicht so gut ankommen.
Wir reisten am späten Nachmittag an, vor dem Abendessen gab es die erste Session. Ich war innerlich voller Vorfreude auf vier entspannte Tage nur für mich. Dann begann das Martyrium. Begrüßt wurden wir zunächst von der Seminarhausleitung. In 45 Minuten wurde noch einmal alles wiederholt, was schon im PDF geschrieben stand. Jeder Punkt wurde aber noch einmal ganz ausführlich erläutert, warum das wichtig wäre, dass es nur gut für uns sei und überhaupt. Der kleine Rebell in mir, der durch die Email vor einer Woche schon alarmiert war, brachte sich langsam in Stellung. Nur mit Mühe konnte ich ihn unterdrücken, er wollte Dinge sagen wie: „Ich habe dafür bezahlt, ich bin schon groß, ich möchte selbst entscheiden, können wir bitte endlich beginnen?“
Okay dachte ich mir, die müssen das halt so machen, sicher haben sie schon schlechte Erfahrung gemacht. Dann begann das eigentliche Seminar, bis zum Essen war aber nur noch eine halbe Stunde übrig. Es sollte eine kurze Vorstellungsrunde geben. Diese sollte aber nicht wie man es gewohnt sein ablaufen (wie heiße ich, wo komme ich her, warum bin ich hier). Stattdessen sollten wir unseren Namen sagen und dann einen Satz, der uns gerade auf der Seele liegt. Dieser Satz müsse auch gar keinen Sinn ergeben, wir sollten „einfach mal rauslassen, was da gerade kommt.“ Das Ziel sei, die Stimmen im Raum zu spüren, das würde gleich eine neue Energie zwischen allen herstellen. Oha dachte ich mir, das geht ja schon gut los. Warum können wir uns nicht einfach normal vorstellen, warum wird schon zu Beginn versucht, den Moment durch etwas Bedeutungsschwangeres aufzuladen? Ich verweigerte den ungewollten Zugriff auf meine Seele und sagte: Ich heiße Nicola und das ist meine Stimme“. Leises Gelächter im Saal, Gott sei Dank, dachte ich mir, mein Rebell ist hier noch geduldet.
Danach folgten weitere Erläuterungen, diesmal zum Seminar selbst, mein Kopf war schon so voll von all den Regeln und Erläuterungen, dass ich dachte: „das ist ja fast wie Emails bearbeiten.“ Es folgte nun die Erläuterung zum Abendessen: Wir sollten bis zur Glocke warten, damit wir in den Speisesaal eintreten dürfen. Danach sollten wir um den Tisch, auf dem das Buffet aufgebaut war, einen Kreis bilden. Anschließend würden sie einen inspirierenden Vers vorlesen, damit wir uns alle gemeinsam auf das Abendessen einstimmen können. Da drehte sich in mir der Magen um und ich musste mich von diesem Ritual entziehen, weil es sich nicht richtig für mich anfühlte, ein wenig wie ein Tischgebet und wieder eine Spur zu aufgeladen das Ganze.
Allerdings war ich es bereits von früheren Meditationsretreats gewohnt, dass es mannigfaltige Regelungen rund um das Essen gibt: schweigen, erst essen, nachdem die Glocke geläutet wird, erst aufstehen, wenn die nächste Glocke läutet, natürlich nur vegetarisches Essen, auf keinen Fall selbst etwas mitbringen und und und. Auf mich hat das ja eher die Wirkung, dass mir gar nichts mehr schmeckt, wenn ich nur Regeln befolge, aber wer fragt mich schon :) Der innere Dialog ging weiter: „Außerdem geht es ja vielleicht nicht ums Genießen, sondern darum Achtsamkeit zu kultivieren.“ „Und wozu ist Achtsamkeit gut?“ „Dass man das Leben dann so richtig genießen kann.“ „Ah eh klar.“ Eine neue innere Stimme unterbricht meinen geistigen Dialog: „Nicola wehre Dich nicht dagegen, das ist doch eine richtig tolle Gelegenheit um innere Offenheit, Toleranz und Mitgefühl zu kultivieren“. Nicola: „Grmpffff“
Während der ersten Mahlzeit durften wir sogar noch reden und durch die Gespräche fühlte ich mich schnell wieder wohl, die Teilnehmenden wirkten alle sehr sympathisch.
Nach dem Abendessen sollte es dann losgehen. Dann folgte eine Übung, die mich so richtig aus dem Gleichgewicht brachte: Damit wir als Gruppe zusammenwachsen, sollte wieder jeder nacheinander seinen Namen sagen und alle anderen sollten dieser Person dann ganz viel Liebe aus dem Herzen senden. Ich konnte es an dieser Stelle nicht glauben. Wo war ich hier gelandet? Das war ja sicher gut gemeint. Aber ich komme als gestresste Unternehmerin an so einen Ort, in mir kreisende Gedanken bis über beide Ohren hinaus, ich sehne mich nach Ruhe, nach abschalten und dann soll ich an 18 Leute „LIEBE durch den Raum senden??“ Alles, was ich in diesem Moment empfand, war pure Aggression und ich musste ganz schnell den Raum verlassen, denn das wollte ich natürlich auch nicht, das jemandem zu senden :) Ich ging schnell in mein Zimmer. Ich war verwirrt, was hatte ich übersehen, war ich im falschen Seminar?
Es klopfte leise an meiner Tür. Die Seminarleiterin: „Ich wollte mal nach Dir schauen. Da scheint sich ja ganz schön etwas in Dir zu melden. Welcher Teil in Dir meldet sich denn da gerade?“ Ich versuchte ruhig zu bleiben und hatte wirklich gar keine Lust das jetzt näher zu erläutern. Aber ich musste loswerden, dass mir das Ganze zu spirituell und fast schon esoterisch aufgeladen war und ich eher an ein Coaching-Seminar mit Meditation gedacht hatte. Morgen würde das Seminar dann einen größeren Anteil an IFS haben, wurde mir versichert.
Pustekuchen! Eine Meditation hielt ich noch durch, was aber schwer war, weil währenddessen 20 Minuten durchgeredet und über Herzensthemen gefaselt wurde. Als dann eine Übung (angeblich aus dem Feldenkreis-Umfeld) folgte, wo wir auf dem Boden liegend die Zunge in alle Richtungen schieben und dabei Geräusche machen sollten, da war es dann leider genug. Ich packte ganz schnell meine Sachen und nahm reiß aus, aus dieser für mich gefühlte Hölle der Herzlichkeit.
So schade! Auch bei den anderen Retreats, an denen ich teilgenommen habe, hatten mich übertriebene Zeremonielle und religiös anmutende Anteile gestört: der Buddha Altar mit Räucherstäbchen, ständiges Verbeugen, Handlungen nach Glocken ausrichten. Auch die Reden der Gurus wirkten zwar teilweise inspirierend, teilweise aber auch unecht und aufgesetzt. Warum gibt es nicht sehr viel mehr neutrale Angebote ohne Zeremoniell? Ich habe diesbezüglich recherchiert, abgesehen von richtig teuren fünf-Sterne Hotel Auszeiten für gestresste Manager, kommen Angebote a la „Auszeit in der Natur mit Meditation“ fast immer von Anbietern, die einer buddhistischen Linie oder ähnlichen Tradition angehören. Für Spiritualität gibt es keinen klaren Rahmen, so weiß man nicht genau, worauf man sich einlässt.
Da fällt mir noch etwas ein, dass ich eigentlich schon verdrängt hatte: Während meines Studiums hatte ich Yoga in Griechenland am Strand gebucht. Klingt doch herrlich oder? Auch da musste ich nach einem Tag die Seminarinhalte schwänzen, weil das anleitende Paar behauptete, sich aus einem früheren Leben zu kennen und dass es Yogis gibt, die so transzendent sind, dass sie durch Wände gehen. Angeblich hatte sich das Paar kurz nach dem Urlaub getrennt, ich hoffe, ich war nicht der Grund dafür :)
Aber jetzt mal im Ernst: Es sollte wirklich viel mehr neutrale Angebote geben, wo man in herrlicher Natur in einem professionellen und trotzdem herzlichen Rahmen eine Auszeit nehmen kann. Ich nehme diese Idee mal mit, vielleicht sollten wir das Champagner Retreat aus der Taufe heben – wer von Euch wäre dabei? :)
Mit ganz herzlichen wie immer sinnsuchenden und inspirierenden Grüßen – Eure Nicola mit dem ganzen ChaCha Team!