Reserve Weine
Der Champagner ist und bleibt ein Unikat in der Welt der großen Weine. Zwar entstehen auch in anderen Anbaugebieten überall auf der Welt zunehmend exquisite Schaumweine, die – explizit nach dem Vorbild der Champagne – im Flaschengärungsverfahren entstehen und teilweise ein ausgedehntes Hefelager durchlaufen, welches ihnen beachtliche aromatische Komplexität verleiht.
Dennoch weist der König der Prickler Alleinstellungsmerkmale auf, die andernorts nicht oder nur schwerlich nachzuahmen sind und die seine Klasse und seinen berechtigten Status in der Breite wohl auf Dauer unerreichbar machen:
Einerseits lässt sich das Terroir der Champagne, jene einmalige Kombination aus vergleichsweise kühlem Klima und kalkreichen, kreidigen Böden, unmöglich auf einen beliebigen anderen Ort auf der Erde übertragen. Nicht zuletzt diese natürlichen Standortbedingungen verleihen den Schaumweinen der Region ihre von Kennern und Liebhabern geschätzte animierende Frische, unnachahmliche Eleganz und prägnante Mineralität bei gleichzeitig höchster Komplexität.
Andererseits lässt sich der Jahrhunderte zurückreichende Erfahrungsschatz der Winzer und Kellermeister der Region nur schwerlich kompensieren:
Man hat im französischen Nordwesten in vielerlei Hinsicht die größte Expertise aller Schaumweinregionen, besonders den Umgang mit der Flaschengärung und die anschließende Reife auf der Hefe haben große wie kleine Champagnererzeuger im Laufe der Zeit perfektioniert.
Dazu kommt jedoch noch eine weitere, nicht minder wichtige Tradition, die in der Champagne zweifellos ihre schönsten Blüten treibt:
Nur dort kommen nämlich derart flächendeckend und in allen Qualitätsstufen sogenannte „Reserveweine“ zum Einsatz. Dabei handelt es sich um Grundweine älterer Jahrgänge, die man in unterschiedlichsten Gebinden vorhält, um sie bei Bedarf zur Erreichung einer bestimmten Zielvorstellung mit jüngeren Partien zu vermählen.
Alle jahrgangslosen Cuvées – also das unangefochtene Rückgrat der Champagnerproduktion – sind seit Jahr und Tag eine Assemblage aus einem aktuellen Basisjahrgang und nicht selten dutzenden Reserveweinen unterschiedlichen Alters.
Die Idee der Reserveweine ist so alt wie der wirtschaftliche Erfolg des Champagners auf den Weltmärkten des Zeitalters des Absolutismus und wurde ursprünglich aus der Not heraus geboren:
Die historisch betrachtet klimatische Grenzlage am äußerstem nördlichen Rand der Gefilde, in denen Weinbau betrieben werden konnte, sorgte dafür, dass die Trauben nicht überall im Anbaugebiet und vor allem nicht jedes Jahr gleichermaßen zur benötigten Reife gebracht werden konnten. Da es die Salons des europäischen Adels und recht bald auch das aufstrebende Besitzbürgertum auf beiden Seiten des Atlantiks jedoch nach reichlich Champagner dürstete, waren schnell vor allem Konstanz und Versorgungssicherheit gefragt.
Diese konnte in jenen Tagen am besten durch eine umfassende Vorratshaltung von zufriedenstellenden Grundweinen gewährleistet werden, mit denen schwächere Jahrgänge aufgebessert wurden, um zu jeder Zeit ein stabiles Endprodukt zur Verfügung zu haben.
Im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte entwickelte sich aus dieser schieren Notwendigkeit eine in der Weinwelt beispiellos komplexe Struktur:
Einige Produzenten verfügen heute über mehrere Millionen Liter an Reserveweinen aus teilweise bis zu 50 verschiedenen Jahrgängen.
Diese werden oft in großen Edelstahltanks oder Holzfässern, jedoch nicht selten auch in kleinen Glasballons oder gar nur in Magnumflaschen aufbewahrt. Dabei wird meist nicht nur nach Jahrgängen unterschieden, sondern auch akribisch nach Rebsorten und Herkünften.
So kann eine Prestige-Cuvée eines großen Hauses oder Winzers - neben einem mehr oder minder großen Anteil jungen Weines aus dem Basisjahr - Partien aus einer hohen zweistelligen bis sogar dreistelligen Zahl an Reserveweinen aus zahllosen Jahrgängen und aus beinahe jedem Winkel der Champagne enthalten.
Es versteht sich von selbst, dass eine derartige Vielfalt zum Endprodukt noch weit mehr als schlichte Stabilität beisteuert:
Die besten unter den Cuvées ohne Jahrgang zählen in ihrer alljährlich penibel und gleichermaßen kunstfertig komponierten Komplexität zu den großartigsten Champagnern überhaupt.
Auch wenn wir von Champagne Characters die Tendenz der letzten Jahrzehnte hin zu mehr Jahrgangsweinen und Einzellagenabfüllungen sehr begrüßen, so sind wir uns dessen stets bewusst.
Die Kultur der Assemblage ist und bleibt ohne wenn und aber ein Aushängeschild der Region, welches zudem – völlig unabhängig von den genannten gegenläufigen Entwicklungen – ständig weiterentwickelt wird:
Auch ein großer und irgendwie auch großartiger Trend ist das Systems der „Réserve Perpetuelle“. Es wird der Einfachheit halber oft auch "Solera" genannt, weil das Verfahren ursprünglich für die Produktion von Sherry entwickelt wurde, hier ist es jedoch ein deutlich aufwändigeres, mehrstufiges System, als in der Champagne. Bei der Réserve Perpetuelle werden in vergleichsweise großen Gebinden verschiedene Jahrgänge gesammelt und gemeinsam gereift.
In einem immerwährenden Kreislauf wird jedes Jahr eine bestimmte Menge Wein entnommen und anstelle herkömmlicher Reserve Weine dem Champagner beigegeben. Anschließend wird der dabei entstandene Hohlraum wieder mit dem neuen Jahrgang aufgefüllt. Je nachdem wie alt so eine immerwährende Reserve ist, desto aromatischer wird diese und es steigt natürlich auch das Risiko einer Verunreinigung (beim Abzapfen oder neu Befüllen), was zur Folge hätte, dass man bis zu einige tausende Liter vernichten muss (Laetitia Billiot erzählte uns einmal von so einem Vorfall in ihrem Weingut) .
Als Letztes könnte man noch den Begriff "Multi-Vintage" erwähnen. Im Prinzip besteht die Réserve Perpetuelle auch aus verschiedenen Jahrgängen und selbst normale Basis Champagner sind meist aus dem aktuellen Jahrgang und den beiden vorhergehenden Jahrgängen assembliert. Dennoch verwendet man "Multi-Vintage" gerne als Kontrast zum Jahrgangschampagner, bei dem ein Jahrgang portraitiert werden soll. Der Winzer wählt dann verschiedene Jahrgänge aus, um eine besondere Mischung zu erzielen. Hier wäre z.B. die großartige Cuvée des Grands Vintages von Eric Rodez zu nennen, eine Hommage an Krug Grand Cuvée, für die Eric einst als Kellermeister verantwortlich war. Die Cuvée des Grands Vintages ist - wie der Name schon sagt eine Assemblage aus den besten Jahrgängen aus Rodez Keller.
Ob man nun als Champagnerliebhaber lieber die klare und unverwechselbare Signatur eines Jahres oder einer bestimmten Parzelle in Gestalt eines Jahrgangs- oder Lagenweins erschmecken möchte, oder die gereifte Vielschichtigkeit beispielsweise eines Solera-Champagners präferiert, ist und bleibt Geschmackssache. Die Champagne hat von alldem reichlich auf höchstem Niveau zu bieten!