Champagner Verkosten
Champagner verkosten
Unser Geschmack ist so individuell und persönlich wie unser Fingerabdruck. Er wird von einer Vielzahl verschiedener Faktoren beeinflusst – in der Gegenwart und auch in der Vergangenheit - welche Erfahrungen habe ich bisher gemacht, in welchem gesellschaftlichen Kontext lebe ich, wie geht es mir gerade… Jeder schmeckt etwas anderes, hat spezifische Vorlieben und Aversionen. Der ein oder andere mag einen geschulteren Geschmack besitzen, aber sicher keinen „Besseren“ oder „Schlechteren“.
Will man über das einfache „schmeckt mir“ hinaus wiederabrufbare Eindrücke sammeln und die Gründe für seine Präferenzen herausfinden, hilft es sich der einzelnen Faktoren beim Verkosten bewusst zu werden, um diese so auch später z.B. im Restaurant oder beim Fachhändler genauer benennen zu können.
Das Glas:
Verwenden Sie ein Glas in dem der Champagner Raum hat, seine Aromen zu entfalten. Ein Weinglas mit seiner größeren Oberfläche eignet sich oft besser als eine zu enge Sektflöte. Je komplexer und hochwertiger der Champagner, desto größer sollte die „Bühne“ sein auf welcher er sich präsentiert. Wenn das Glas allerdings zu groß ist, kann es passieren, dass sich mehr Luft im Glas ansammelt, als der Champagner aromatisch ausfüllen kann. Deswegen genügt in den meisten Fällen ein Weißweinglas. Nähere Infos zum Thema Champagnergläser findest Du HIER.
Die Farbe:
Sie sagt nicht zwangsläufig etwas über den Geschmack oder den Charakter aus, kann aber schon erste Hinweise liefern. Oft besitzen nur aus weißen Trauben bereitete Champagner (meist Chardonnay) eine eher strohgelbe bzw. hellere Farbe wohingegen sog. „Blanc de Noirs“ - also weißgekelterte Weine aus nur roten Trauben (Pinot Noir und Meunier) - meist einen Kupferstich oder leicht rötliche Färbung besitzen. Farbintensive Champagner deuten auf eine höhere Reife oder einen oxidativen Ausbau hin. Ein besonders heller Rosé enthält meist nur einen kleinen Anteil Rotwein oder hatte nur kurzen Schalenkontakt, was ihn besonders frisch, leicht und elegant macht, wohingegen ein dunklerer meist intensiver im Geschmack ist.
Duft:
Aromen sind flüchtig und veränderlich und so entwickeln sie sich nach dem Öffnen einer Flasche fortwährend weiter und lassen immer neue Assoziationen zu. Wonach duftet der Champagner, woran erinnert mich dieser Duft? Das kann und wird für jeden anders sein, da jeder eine andere Dufterinnerung und -erfahrung besitzt. Mögliche Assoziationen: Früchte (exotische oder einheimische), Hölzer, Blumen und Gräser, Getreide, Brotsorten, die oft zitierte Brioche-Note, Vanille oder Kokos (Holzeinfluss)
Geschmack:
Unser eigentlicher Geschmacksinn beschränkt sich theoretisch auf die Geschmacksrichtungen süß, salzig, sauer, bitter und umami. In Kombination mit dem Duftsinn ergibt sich aber die große und komplexe Palette an Sinneswahrnehmungen welche wir den „Geschmack“ der Dinge nennen. Wichtig hierbei ist die Harmonie der einzelnen Faktoren: Passen Säure, Frucht, Struktur, Körper und Haptik im Mund zusammen, ergibt sich eine stimmige Gesamtkomposition? Oder sticht ein Merkmal hervor und dominiert den Champagner? Und selbst dann: ist dies für Sie eher unangenehm, belanglos oder sogar gerade deswegen besonders spannend und individuell?
Dosage:
Ist Geschmacksfrage, jedoch kann man schmecken, ob der gewählte Zuckergehalt stimmig ist. Er sollte nicht die Fruchtaromen überdecken oder die Struktur zu weich werden lassen, sollte nicht vordergründig sein. Andersherum kann auch ein Zero Dosage unstimmig wirken. Wenn weniger Dosage verwendet wird, tritt die Säure stärker in den Vordergrund und die Struktur wird rassiger.
Säure:
Säure verleiht dem Champagner Lebhaftigkeit und Spritzigkeit. Sie sollte harmonisch ins Gesamtbild passen, manch Einer bevorzugt eine rasse Säure, Andere mögen es lieber milder.
Einfluss von Holz & Stahl:
Der Ausbau in Stahl sorgt normalerweise dafür, dass der Champagner sensorisch nicht beeinflusst wird. Der Ausbau in Holz hingegen macht den Champagner weicher, cremiger, kräftiger, rauchiger und gibt ihm je nach Reifezeit ein Holzaroma, das idealerweise gut eingebunden und stimmig ist, zur Komplexität beiträgt.
Was ist eigentlich „mineralisch“?
Mit mineralisch können zwei Dinge gemeint sein, die beide auf den Boden hindeuten und auch zusammenhängen: 1.) salzig im Abgang 2.) etwas Steiniges. In der Wissenschaft streitet man sich allerdings darüber, ob man "Stein" wirklich im Boden schmecken kann. Allerdings entwickelt sich der Rebstock unterschiedlich, je nach Bodenbeschaffenheit, also hat der Stein in gewisser Hinsicht dann doch wieder einen schmeckbaren Einfluss. Kulturell spricht man häufig von mineralischen Champagnern, wenn es sich um eher karge, geradlinige Champagner handelt mit niedriger Dosage und prägnanter Säure.
Weitere Infos zum Aromenspekrum siehe Aromenkarte!
Mundgefühl
Wie fühlt sich die Perlage an, wie harmonisch fügen sie sich ins Gesamtbild ein? Wirkt der Champagner rassig oder cremig? Sind Tannine spürbar?
Abgang
Wichtig um die Qualität eines Champagners zu beurteilen sind die Dauer und die Eindrücke welche er nach dem genüsslichen Hinunterschlucken hinterlässt. Je länger seine aromatische Spuren bei Ihnen im Mund fortwirken, je mehr er sich auch hier noch einmal verändert und weitere neue, positive Empfindungen und Geschmackseindrücke preisgibt, desto höher seine Qualität und sein Wert für Sie als Genießer.
Gesamteindruck: Lebendig, leicht, kräftig, vollmundig, druckvoll, elegant, maskulin, feminin, samtig, üppig, würzig, weinig, geradlinig, karg, komplex, vielschichtig, harmonisch, balanciert uvm. ...
Die Kunst des Verkostens ist die Kunst der sinnlichen Wahrnehmung.
Diese zu empfinden, zu erkennen, die Eindrücke benennen und sie bestenfalls im Geschmacksgedächtnis abzuspeichern können ist in fast jeder Situation trainierbar. Das bewusste empfinden dieser Sinne bereichert nicht nur unser Leben, sondern lässt Sie mit der Zeit auch zum Champagner-Experten werden.