Bis heute ist Champagner mit großen Namen verbunden, die im Laufe der Zeit zu eigenen Marken geworden sind. Moët & Chandon, Veuve Clicquot, Roederer, Krug, … Dies ist nicht nur auf hervorragendes Marketing zurückzuführen, sondern spiegelt auch die Erzeugerstruktur in der Champagne wider. Denn lange Zeit herrschte ein klare Trennung zwischen der Erzeugung der Trauben durch die Winzer und deren Weiterverarbeitung zu Champagner durch die Weinhäuser.
Die 34.000 Hektar Rebfläche der Appellation werden von circa 16.000 Winzerinnen und Winzern bewirtschaftet. Aber „nur” rund 4.000 von ihnen erzeugen aus ihren Trauben auch eigenen Champagner (Récoltant-Manipulant, R. M.). Die restlichen Winzer verkaufen ihre Trauben nach wie vor an Weinhäuser und Genossenschaften. Das ist der wesentliche Unterschied zu den großen Häusern (Maisons), die zwar ebenfalls über Rebfläche verfügen, aber zusätzlich Trauben von den vielen Winzern zukaufen und deswegen den Status Négociant-Manipulant (N. M.) haben.
Die Weinbauregion Champagne lag lange Zeit am nördlichen Rand des Klimagürtels, in dem Weinbau möglich ist. Aus diesem Grund war das Ausreifen der Trauben nicht immer gewährleistet. Um Jahrgangsschwankungen auszugleichen, bot es sich an, Trauben aus verschiedenen Teilen des Anbaugebiets hinzuzukaufen. So war man in der Lage um Jahr für Jahr eine Cuvée von möglichst gleichbleibender Qualität auf den Markt bringen. Denn seit man die Herstellung von flaschenvergorenen Schaumweinen in der Champagne professionalisiert hatte, war die Nachfrage aus Großbritannien, dem russischen Zarenreich, aber auch aus Deutschland und den USA überwältigend. Man war auf möglichst breite Ressourcen angewiesen.
Diese Basiscuvée, die auch als Brut sans Année (Brut ohne Jahrgang) bezeichnet wird, ist für viele Häuser bis heute Aushängeschild und wirtschaftliches Zugpferd zugleich. Sie steht stellvertretend für den Stil eines Hauses. So wird aus den Grundweinen unterschiedlichster Herkunft innerhalb der Champagne im anspruchsvollen Assemblage-Verfahren eine Cuvée kreiert, die nicht die Jahrgangseigenheiten oder Bodentypizitäten wiedergeben soll. Vielmehr geht es darum, ein zwar eigenständiges, aber dennoch von Release zu Release wieder erkennbares Produkt zu schaffen, auf das sich Konsument (geschmacklich) und Produzent (wirtschaftlich) verlassen können.
Winzerchampagner ist hingegen eine noch relativ junge Entwicklung. Bereits im 20. Jahrhundert begannen die großen Häuser, Champagner aus einem Jahrgang und aus Einzellagen herzustellen. Mit der Entwicklung der Winzerchampagnerszene seit den 1990er-Jahren nahm diese Entwicklung mehr Fahrt auf. Das Paradigma, nach dem Winzerchampagner hergestellt wird, ist jedoch ein anderes: Den Winzern geht es viel mehr um die Individualität ihrer Champagner, die sich nicht in einem bestimmten Herstellungsstil ausdrückt, sondern in dem Ausdruck des Bodens, der Rebsorten, des Mikroklimas, kurz: der Herkunft. Der Gedanke, dass Champagner maßgeblich im Weinberg und nicht erst im Keller entsteht, führt zwangsläufig zu Veränderungen in der Weinbereitung: Anstelle eines hohen Ertrags wird eine Aromenkonzentration angestrebt. So ist es nicht verwunderlich, dass es innerhalb der Szene einige Pioniere des biologischen und biodynamischen Weinbaus gibt. Deren Idee ist es, die natürliche Widerstandskraft der Reben zu stärken, anstatt Krankheiten nur symptomatisch zu bekämpfen. Außerdem werden Parzellen separat ausgebaut, um später möglichst terroirgetreu assemblieren zu können – bis hin zu Abfüllungen einzelner Fässer aus einzelnen Lagen. So rückt der eigentliche Wein stärker in den Vordergrund, sodass die Champagner im besten Fall von ihrer Herkunft erzählen können.
Insgesamt hat dieser Trend für mehr Vielfalt in der Champagne und auf den Weinkarten gesorgt. Auch außerhalb der Szene wird Champagner immer weniger als Luxusmarke für feierliche Anlässe wahrgenommen, sondern als das, was er ist: ein authentischer und herausragender Schaumwein von einzigartigem Terroir. Auch wenn die großen Maisons die Märkte weiterhin deutlich dominieren – in Deutschland und Österreich liegt ihr Marktanteil bei über 90 Prozent – hat das Phänomen der Winzerchampagner auch bei ihnen zu einem Umdenken geführt. Die durchschnittliche Qualität der Champagner ist in den letzten 20 Jahren gestiegen. Es wurden bereits viele Maßnahmen für eine nachhaltigere Champagnerproduktion eingeleitet und es werden immer mehr (Reduktion von Pestiziden um 50 Prozent, leichtere Flaschen etc.). Winzerchampagner ist mit seinem handwerklichen, authentischen und charakterstarken Profil zwar weiterhin Avantgarde, aber dennoch zu einer festen Größe der Champagne geworden. Er hinterfragt etablierte Prozesse und ist somit für den Wandel der Champagne unabdinglich.