Champagnerhäuser vs. Winzerchampagner

Hinsichtlich ihrer Erzeugerstruktur unterscheidet sich die Champagne grundlegend von beinahe allen anderen weinproduzierenden Gegenden weltweit:

Seit der Entstehung der ersten (absichtlich und in größerer Menge) flaschenvergorenen Schaumweine im 18. Jahrhundert wird das Anbaugebiet ungewöhnlich stark von großen Häusern dominiert, deren wichtigste und wirtschaftlich erfolgreichste Produkte jahrgangslose Cuvées sind, in die zumeist Grundweine aus mehreren Lesen und Subregionen einfließen.

Die Trauben werden in der Mehrzahl von zumindest auf dem Papier unabhängigen Anbaubetrieben zugekauft, die Weinbereitung und Reifung erfolgt zentral in den heiligen Hallen und kilometerlangen Kreidekellern der Champagnerhäuser.

Wie bedeutsam und historisch gewachsen diese Strukturen sind, verdeutlicht alleine schon der Umstand, dass die Klassifizierung der Gemeinden – eine solche für einzelne Weinberge gibt es bis heute nicht – einzig auf den Preisen fußt, die ein Traubenproduzent für die Früchte entsprechender Herkunft erlösen kann.

All dies mag arg unromantisch und sehr kommerziell ausgerichtet wirken, jedoch gibt es gute Gründe, dass dies auch unserer Tage noch immer beinahe unverändert gilt:
Die Champagne lag in vergangenen Zeiten stets am äußersten nördlichen Rand der Klimazone, in der Weinbau möglich und sinnvoll war. Eine verlässliche Ausreifung der Trauben konnte nicht in jedem Jahr und in jeder Teilregion gleichermaßen gewährleistet werden. Dazu kam die Tatsache, dass der Champagner in seiner neueren, perlenden Form recht schnell eines der ersten bedeutenden Markenprodukte im Weinsektor wurde.
Die durstigen Märkte Großbritanniens, des zaristischen Russlands und nicht zuletzt auch der deutschen Staaten und den USA verlangten nach luxuriösem Schaumwein in ausreichender Menge und von verlässlicher Qualität.
Um letzeres zu gewährleisten, sahen sich bereits die Gründer der ersten Champagnerhäuserviele von ihnen übrigens deutschstämmig – geradezu gezwungen, auf möglichst breite Ressourcen zurückzugreifen. Im Gegensatz zu kleinen, traditionell arbeitenden Winzern, beherrschten sie recht schnell den komplizierten Prozess der Flaschengärung und verfügten zudem über ausreichend Lagerkapazität, Reserveweine und Mittel der Vermarktung und des Transports.

Kurzum: Der wirtschaftliche Erfolg des Champagners und seine Omnipräsenz an den Höfen der absolutistischen Herrscher und später in den Salons der Belle Époque wären ohne die Herausbildung großer Häuser schlechterdings nicht denkbar gewesen.

Im krassen Gegensatz zu den vor allem auf dem heimischen französischen Markt konsumierten Burgundern, war der Champagner somit in der Wahrnehmung der Zeitgenossen lange kein herkunftstypischer, idealerweise extrem ausdifferenzierter großer Wein. Er wurde als ein global verfügbares Luxusprodukt, möglichst ohne Jahrgangsschwankungen angesehen. Noch heute wird der Markt von genau diesen, damals entwickelten jahrgangslosen Assemblagen dominiert, bei denen man – vorausgesetzt man kennt den sogenannten „Hausstil“ – genau weiß, was man bekommt, wenn man irgendwo zwischen dem Nordkap und Sidney ins wohl sortierte Weinregal greift.

So komplett unangefochten wie all dies anmutet ist die Vormachtstellung des Markenchampagners jedoch schon recht lange nicht mehr:
Es bildeten sich ab dem beginnenden 20. Jahrhundert Nischen der Individualität, interessanter Weise zu Beginn nicht zuletzt ausgehend von den großen Häusern.
Erste Jahrgangsweine wurden gefüllt und eigene Weinberge erworben, das Terroir rückte in den Fokus der Hersteller und es dauerte nicht lange, bis die ersten Einzellagenabfüllungen auf den Markt kamen.
Parallel dazu wagten die ersten Traubenerzeuger den riskanten Schritt ins Winzerdasein, eine erstmals auch önologisch ausgebildete junge Generation begann mit der Bereitung eigener Weine aus zumindest einem Teil des Leseguts.

Auch wenn all dies wie erwähnt in einer kleinen Nische geschah und zunächst nur Eingeweihten bekannt war, so begann sich die recht festgefahrene und beinahe ausschließlich kommerziellen Notwendigkeiten gehorchende Struktur der Champagne langsam auszudifferenzieren. Der Winzerchampagner war geboren.
Heute, am Beginn des dritten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts, ist die Champagne trotz der mengenmäßig noch immer erdrückenden Dominanz der großen Häuser bunter und vielfältiger denn je. Sie zählt inzwischen sogar zu den spannendsten Anbaugebieten der Weinwelt und bietet jedem, der ehrliches Interesse zeigt, ein ganzes Füllhorn an individuellen Stilen, Entdeckungen und Überraschungen.

Die beiden scheinbar unversöhnlichen, vielfach in den letzten Jahren auch medial herbei geschriebenen Pole „Winzerchampagner“ und „Grande Marques“ gibt in dieser Eindeutigkeit in unseren Augen nicht mehr.
Es haben sich unzählige Hybridwesen herausgebildet, inzwischen gibt es riesengroße Winzer und kleine Häuser, Extremisten mit Garagenweingütern und biodynamisch erzeugte, parzellengenaue Jahrgangsabfüllungen von Giganten des Business.

Auf den Karten der besten Restaurants findet man neben ihren Prestige-Cuvées wie selbstverständlich auch in Kleinstauflage bereitete Raritäten der neuen Avantgarde.

Nicht zuletzt die moderne Technologie hat einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass heute selbst kleinste Qualitätserzeuger global präsent sind – und sei es, schon rein mengenmäßig bedingt nicht im Supermarktregal, so doch im ambitionierten Fachhandel und in der experimentierfreudigen Gastronomie.

Der kundige Konsument bestellt heute nicht mehr einfach ein Glas Champagner und lehnt sich in der Gewissheit zurück, dass er Erwartbares vorgesetzt bekommt. Es ist alles deutlich spannender geworden, aber eben auch viel komplizierter. Der Champagner ist angekommen in der Riege der großen Weine der Welt, er ist in seiner Gesamtheit diskussionswürdig geworden und weit mehr als ein berechenbares Luxusprodukt. 

Dennoch – und das muss an dieser Stelle zwingend erwähnt werden – gibt es bei aller fröhlicher Anarchie auf dem Champagnermarkt noch immer einen grundsätzlichen Unterschied zwischen den Erzeugnissen der großen Häuser und den Abfüllungen der allermeisten Winzer:
In der Regel – Ausnahmen gibt es wie erwähnt zuhauf – kreieren die Großen noch immer in erster Linie Produkte. Sie haben klare Visionen und erreichen diese auf verschiedenste Art und Weise, sei es wie früher durch Zukauf aber auch durch Eigenanbau. Die Methodik folgt der Zielsetzung, quasi-industrielle Produktion und handwerkliche Kleinteiligkeit schließen einander nicht mehr aus. Die Qualität des Resultats ist sehr häufig außerordentlich und nicht selten auf Augenhöhe mit den besten Winzerchampagnern.
Allerdings sind derlei Spezialabfüllungen stets Projekte zur Ergänzung des Sortiments, dessen unverrückbare Basis noch immer die jahrgangslosen Cuvées bilden. Die zahlen die Rechnungen und Arbeitslöhne und geben Spielraum für Experimente und Reaktionen auf Markttrends.

Der kleine bis mittelgroße Winzer hingegen steht zumeist vor ganz anderen, viel existenzielleren Aufgabenstellungen:
Wenn er eine Entscheidung trifft – sei es der Erwerb eines Weinberges, die Pflanzung bestimmter Rebsorten, die Anschaffung von Fässern und allen voran die Wahl einer grundlegenden Wirtschaftsweise -, dann ist diese zumeist von grundlegender und immer von langfristiger Bedeutung. Er folgt - wenn er erfolgreich sein will - elementaren Gesichtspunkten wie seinem ureigenen Charakter, bestimmten ihm nahestehenden Arbeitsweisen und philosophischen Prinzipien. Vor allem aber ist er an seine Scholle gebunden und kann die Bedingungen vor Ort nicht beliebig beeinflussen. Eine kurzfristige Anpassung an Geschmacksmoden ist ihm nicht ohne Weiteres möglich, seine Visionen sind zumeist von bleibender Natur und können nur äußerst mühsam über den Haufen geworfen werden.

Wir von Champagne Characters wissen selbstverständlich, dass Persönlichkeit, Passion und intellektuelle Grundierung keine in Blindverkostungen schmeckbaren Faktoren sind. Die Frage, ob man letztlich große Weine aus großen Häusern oder die Produkte kleiner Idealisten bevorzugt, ist für uns aber auch überhaupt keine nach der objektiven Qualität.
Spektakulär gute Champagner stammen heute aus beiden Welten und selbstredend auch aus allen erwähnten Zwischenwelten.

Da wir jedoch den Weingenuss an sich und ganz besonders den Genuss von Champagner als zutiefst emotionale Angelegenheit betrachten, erlauben wir uns eine ganz bewusst romantische, höchst subjektive und immer wohl dosierte und differenzierte Parteinahme zugunsten des Winzerchampagners:
Das Gefühl alleine, durch ein Glas Champagner in die Seele seines Schöpfers und in die Böden seiner Weinberge blicken zu können, ist es uns allemal wert, es ab und an mit der Professionalität nicht zu übertreiben.       

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